Sehen und Blick bei Lacan – Eine Prise Psychoanalyse für Beratung und Training

In der Gegenwart anderer Personen handeln wir anders, als wenn wir allein sind. Richtig? Es macht einen Unterschied, ob ich mich in einer Gruppe bewege oder für mich bin. Das stimmt. Aber ist man in seinem Handeln völlig frei, wenn man ohne andere Personen handelt? Nein, natürlich nicht. Wie hängt das zusammen? Wenn ich unbeobachtet bin, dann kann ich doch ganz frei vorgehen. Eben nicht. Auch dann wirkt der sogenannte „Blick“. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) erklärt in seinen Seminaren unter anderem den Unterschied zwischen Sehen und Blick. Dieser Unterschied ist sehr aufschlussreich – und sehr komplex. Deswegen fasse ich hier stark zusammen.

Lacan spricht davon, dass das Sehen selbstverliebt (narzisstisch) geprägt sei. Wir wollen also begierig sehen, was in der Welt so ist. Wir sehen aber tatsächlich nur die Bilder der Dinge. Genauer gesagt sehen wir Vorstellungsbilder, die durch unser Sehen erzeugt werden. Diese Vorstellungsbilder gehören aber zu uns und unserem Sehen, weil wir sie ja auch erzeugen. Wir wollen uns diese Vorstellungsbilder einverleiben. So sehen wir gewissermaßen am liebsten das, was uns und unserer Vorstellung entspricht. Es ist wie bei Narziss aus der griechischen Sage, der am Ufer des Sees sitzend, in das Wasser blickend, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt.

Ein ganz anderes Phänomen ist nach Lacan dagegen der Blick. Beim Blick geht es nicht um unseren eigenen Blick – sondern um den Blick, der uns trifft. Gemeint ist also das erblickt werden. Das Interessante an der Konzeption des Blickes ist, dass dort niemand sein muss, der oder die uns erblickt. Man könnte besser sagen, „es“ erblickt mich. Oder ich sehe mich, wie ich erblickt werde. Lacan nutzt das Beispiel des Sehens durch das Schlüsselloch. Dieses Sehen ist begierig. Es möchte sehen, was dort hinter der Tür vor sich geht. Der oder die Sehende zuckt auf einmal zusammen – obwohl niemand da ist. Er oder sie fürchtet erblickt zu werden. Warum? Weil es äußerst schamvoll ist, in seinem Begehren erblickt zu werden. Wer begehrt, hat einen Mangel. Man müsste ja nicht begehren, wenn man vollständig und zufrieden ist. In dem Moment, in dem wir erblickt werden, werden wir in unserem Mangel sichtbar. Da schämen wir uns. So einen Anblick wollen wir nicht bieten. Lacan nennt diesen Anblick „tableau“. Es liegt alles offen erblickbar auf dem Tablett.

Wir sind Blicken allerdings nicht schutzlos ausgeliefert. Wir können uns abschirmen. Und genau so nennt Lacan auch dieses Mittel „écran =Schirm oder Abschirmung“. Wir werden aktiv, um nicht erblickt zu werden. Wir zeigen uns. Das klingt zunächst paradox, macht aber Sinn. Denn wenn ich mich zeige, dann kann ich die Art und Weise wählen. Ich kann mich mit Federn schmücken, ich kann täuschen, übertreiben, ablenken, kurz: ich kann alle Mittel der „Schau“ einsetzen. Ich kann dem begierigen Blick eine „Augenweide“ liefern.

Andererseits kann das gesehen werden durchaus bedeutsam und befriedigend für uns sein – solange es unbewusst verläuft. Das direkte erblickt werden, kann vernichtend für uns sein. Das beiläufige gesehen werden ist dagegen wesentlich für das Soziale. Das fordern wir ja manchmal in Beziehungen ein. Wir wünschen uns, dass das Gegenüber uns „sieht“. Damit meinen wir fern von der Funktion des Auges, dass das Gegenüber unsere Wünsche und Bedürfnisse anerkennen soll. Dass es uns Respekt entgegen bringen soll. Aber nicht, dass es uns bis ins Mark erblickt und unsere begehrlichsten Mängel bloß legt.

Damit merken wir schon, dass es da nicht um das buchstäbliche Sehen geht. Sondern um einen wohlwollenden Blick auf uns. Auf paradoxe Weise kann das dazu führen, dass das sich zeigen, abschirmen und präsentieren weniger wichtig wird und abnimmt und wir so leichter etwas von den mangelhafteren Seiten durchblicken lassen. Möglicherweise stehen dann auch neue Energien zur Verfügung, wenn die Abschirmung nicht mehr so machtvoll aufgeladen sein muss.

An diesem Punkt der Überlegungen ließe sich das Modell von Sehen, Blick, erblickt werden und sich zeigen in viele Richtungen weiter entwickeln. Bedenken Sie noch einmal die Tatsache, dass wir nur das sehen, was wir uns vorstellen (können). Oder dass wir uns im Kontakt mit anderen vor dem Blick schützen, aber das Ansehen auch genießen. Vielleicht ahnen Sie, dass dieses Feld Konsequenzen für jegliche Beziehung hat. Natürlich auch für eine Beratungsbeziehung. Oder die Art und Weise, wie man in Workshops vorgeht.

Werfen Sie doch einen Blick in die Literatur selbst oder auf die umfangreiche Webseite von Rolf Nemitz zum Werk Lacans.

Vgl. Lacan, Jacques; Miller, Jacques-Alain (Hg.) (2014). Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XI. Aus dem Französischen von Norbert Haas. Turia und Kant, Wien.

Die Kommentare wurden geschlossen